[München] Die Schwabinger Bohème und Frauenpower
München ist ja eine vergleichsweise junge Stadt. Und viele Jahrhunderte lang war es auch eine eher kleine Stadt. Während der Bohème (1890-1920) nahm der Zuzug aber richtig Fahrt auf. Besonders junge Frauen die Freiheit suchten, strömten in die Stadt. Ende 1920 lebten 666 000 Menschen in München, die Zahl der Einwohner hatte sich in diesen 30 Jahren nahezu verdoppelt.
Und das ist auch kein Wunder. Denn so provinziell sich die Stadt gerne zeigt, so sehr schlägt der Münchner auch gerne über die Stränge. Er drückt gerne ein Auge zu, vermutlich weil er den sinnlichen Genüssen selbst nicht abgeneigt ist. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich um die Münchner Universitäten und im Künstlerviertel Schwabing die Bohème versammelte.
München - mehr Party als Politik
München war immer schon mehr „Party“ als „Politik“. Deswegen funktioniert das Feiern auch immer eine ganze Zeit ganz gut. Solange man unter dem Radar fliegt und Niemandes Kreise stört. Tut man das, ist nämlich ganz schnell Schluss mit lustig. Die Schwabinger Bohème war zu jeder Zeit ein soziales Phänomen. Anerkannt vom liberalen Bürgertum. In Summe weniger politisch, nicht so dekadent wie in anderen Städten. Die Bohème wurde wie ein ganzjähriger, freizügiger und zügelloser Fasching empfunden. Und unter uns? Wer feiert da nicht gerne mit?
Die prächtigsten und teuersten Faschingsbälle wurden in München in der Mitte des 19. Jahrhunderts gefeiert – rauschende Kostümfeste mit der Königsfamilie, mit Dichtern, mit Malern, Bildhauern und jeder Menge schöner Münchnerinnen. Das spektakulärste war das „Rubensfest“ am 14. Februar 1857. Es braucht nicht viel Phantasie um sich die Kostüme der weiblichen Gäste auszumalen.
Café Luitpold
Bunt gemischt war damals das Publikum z.B. im Café Luitpold in der Brienner Straße. Daran sind wir bei unserer Stadtführung Anfang September vorbei gelaufen. Studenten, Schriftsteller, Künstler aber auch Bürger, Adelige und die einfache Bevölkerung der Stadt machten das Café Luitpold in den Jahrzehnten nach seiner Eröffnung 1888 zum gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt. Ganze 2000 Menschen konnten hier zusammenkommen und die wirklich prachtvolle Location genießen.
Der erste bayrische Frauentag 1899
Ein bisschen Politik hat man damals schon gemacht. Zumindest die Frauen. Während die Männer vermutlich gefeiert haben. Vom 18. bis 21. Oktober 1899 fand im Café Luitpold der „Erste Bayerische Frauentag“ statt. Eingeladen dazu hatte der „Münchner Verein für Fraueninteressen“. Die Veranstaltung gilt als Startschuss für die Emanzipationsbewegung in Bayern. Und dafür bin ich den Mädels heute wirklich dankbar, auch wenn sie nicht wirklich viel erreicht haben und vom Nationalsozialismus fortgeblasen wurden. Sie haben es zumindest versucht und sich nicht ihrem Schicksal ergeben.
Ausstellung - Zeit für Frauen - Café Luitpold
Als ich für meinen Beitrag hier recherchiert habe, bin ich auf diese durchaus wichtige Information gestoßen. Dieser Tage, vor 123 Jahren, haben Frauen sich für Frauen stark gemacht. Haben Frauen sich organisiert. Und Frauen sind für ihre Rechte eingestanden. Im Café Luitpold findet in diesem Herbst die Sonderausstellung „Zeit für Frauen – Bedeutende Protagonistinnen im Luitpoldblock“ statt. Und das waren nicht nur klassische Suffragetten, oder Geschäftsfrauen, sondern auch Künstlerinnen und Schriftstellerinnen, die damals zur Bohème zählten und im Luitpold von seinen Besuchern und Besucherinnen und der Atmosphäre inspiriert worden sind. Diese Ausstellung wollte ich mir natürlich so bald wie möglich anschauen. (Ausstellungszeitraum: 15. 10.2022 bis 28. 02.2023).
Film - Bayrische Suffragetten - Münchner Kammerspiele
Die Chefdramaturgin Viola Hasselbirg spricht bei Vimeo vor dem Münchner Prinz Carl Palais über ein musikalisches Stück, dass im Sommer 2021 in den Münchner Kammerspielen aufgeführt wurde. Es handelt von den "Bayerischen Suffragetten".
Ausstellung - Frei leben! Die Frauen der Boheme - Monacensia
Und weil die einstige Münchner Bohème in meiner Stadt wohl endlich ein echtes Thema ist, gibt es auch in der Monacensia (Stadtbibliothek, Kulturreferat) in diesem Jahr (01.07.2022 bis 31.07.2023) die Ausstellung „Frei leben! Die Frauen der Boheme. 1890–1920“ zu sehen und zu erleben. Also haben wir den Besuch beider Ausstellungen am vorletzten Sonntag mit einem schönen Spaziergang bei warmem Herbstwetter und einer Prinzregententorte im Café Luitpold (Luitpold-Torte war dummerweise aus :-/) verbunden.
Franziska zu Reventlow - Margarete Beutler - Emmy Hennings
Junge Frauen kamen damals nach München um hier ein freies Leben als Künstlerin oder Schriftstellerin zu leben. Die Ausstellung in der Monacensia widmet sich insbesondere Franziska zu Reventlow, Margarete Beutler und Emmy Hennings und deren Themen wie Unabhängigkeit, Ehe, Freie Mutterschaft, Prostitution und Frauengesundheit. Das sind Themen, die heute schon nicht leicht sind, vor über 100 Jahren waren sie das erst recht nicht. Dass man damals in Schwabing billig wohnen und leben konnte, war zwar „nett“, von einem ganzjährigen Faschingstreiben kann hier aber ehrlicherweise doch nicht die Rede sein, auch wenn viele bürgerliche gerne mit den Künstlern und Künstlerinnen um die Häuser zogen und sich in ihrer Gesellschaft vielleicht so fühlten.
Frei – rebellisch – weiblich
Frei – rebellisch – weiblich lautet das Motto der Ausstellung und so zeigt sich auch ihr Gestaltungskonzept. Es werden Elemente aus dem Jugendstil mit den Stilmitteln der sogenannten Protestgrafik kombiniert. Wusstet Ihr woher der Begriff Jugendstil eigentlich stammt? Er geht zurück auf die Ende des 19. Jahrhunderts in München gegründete, illustrierte Kulturzeitschrift „Die Jugend“. Ungefähr zur selben Zeit etablierte sich der „Simplicissimus“, eine satirische Wochenzeitschrift, die hier bis 1944 verlegt wurde. Neben der oben schon genannten Franziska zu Reventlow schrieben u.a. Thomas Mann, Erich Kästner, Herrmann Hesse und Ludwig Thoma für den „Simplicissimus“, um nur ein paar wenige, bekannte Schriftsteller zu nennen. Von Thomas Mann und dem Café Luitpold werdet ihr auch noch in einem weiteren „München“ Blogpost etwas lesen.
Das Ende der 1. Münchner Bohème ca. 1920
Die Weltwirtschaftskrise ab 1920 machte es Hitler und dem Nationalsozialismus leicht, die Bohème in München zu zerschlagen und die kreative Vielfalt in stumpfsinnigen Konformismus zu verwandeln. Eine Gefahr, die auch heute wieder droht. Ich bin nicht bereit unreflektiert zu übernehmen, was mir vorgekaut wird und ich gucke auch gerne Mal von außen über den Zaun auf das, was in Deutschland und dem Rest der Welte aktuell passiert. Selbst nach Kriegsende 1945 brauchten die Münchner fast nochmal 20 Jahre, um sich vom Krieg zu erholen und ihre Stadt wieder aufzubauen. Fast ein halbes Jahrhundert hat die Stadt dabei verloren.
Die 2. Münchner Bohème ab ca. 1965
Denn auch in den Jahren von 1965 bis 1985 gab es wieder so etwas wie eine Bohème in München. Ich verweise gerne auf die im Sommer veröffentlichte, vierteilige Amazon-Dokumentation „Als München noch sexy war“. Wieder kamen sie nämlich in Schwabing zusammen, die Künstler, die Musiker, die Modedesigner, die Andersdenkenden, die Schauspieler, die Paradiesvögel. Und wieder zogen die armen Künstler die geldigen Lebenshungrigen an. Und so entwickelte sich diesmal die sogenannte „Münchner Schickeria“. Ein kreatives Feuchtbiotop, würde ich sagen. Erst die extrem steigenden Immobilienpreise und Peter Gauweiler, Kreisverwaltungsreferent der Stadtverwaltung München von 1982 bis 1986, brach der lebenslustigen Partyszene in den 80er Jahren fast das Genickt. Herr Gauweiler wurde mit seinen ultra konservativen Ansichten auch gerne als Gauleiter bezeichnet. Er verbannte die Prostituierten aus der Innenstadt und wollte die AIDS-Kranken das Bundesseuchengesetz anwenden.
Das vorläufige Ende der 2. Münchner Bohème ca. 1990
Als Berlin dann Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands wurde, verlor München - als heimliches Zentrum - seinen Status. Stattdessen haben uns die letzten 30 Jahre hier jetzt ungebremste Zuzüge, viele gut bezahlte Jobs und noch mehr unbezahlbare Wohnungen gebracht. Etwas provinzielle Lebenslust wäre mir persönlich eigentlich lieber gewesen.
Filmtipp: Amazon Dokumentation - "Schickeria"
Bevor ich den Beitrag heute aber beende, möchte ich nochmal auf die ersten Jahre der bereits vorhin erwähnten „Münchner Schickeria“ zu sprechen kommen. Zu dieser Zeit kamen nämlich auch viele junge Frauen nach München um das Leben und eine tabulose Freiheit zu erleben. Vielleicht keine Schriftstellerinnen, eher Schauspielerinnen. Aber wenn Ihr den Trailer hier guckt, nehmt ihr vermutlich wie ich ein ausgelassenes, überschwängliches Treiben wahr. Ich sehe das wie Frau Berben. München war sexy. Nein, ich sehe es ein bisschen anders. München ist immer noch sexy.









Kommentare
Bin mir sicher, dass München einen ganz eigenen Charme hat, auch wenn ich nur den Hauptbahnhof, Ostbahnhof und Flughafen kenne. Spätestens im nächsten Leben ändert sich das!
LG Ines
Liebe Grüße Tina
Hmmm. Unsere Bahnhöfe und der Flughafen sind jetzt aber wirklich nicht gerade das, was man als Schmuckstücke bezeichnet.
Ich würde mich ja nach wie vor freuen, Dir mal meine Stadt zeigen zu dürfen.
BG Sunny
BG Sunny
Und JA, München ist immer noch sexy! Love München!
Aber nicht nur das, ich bin auch ganz verliebt in deine Culotte und ich finde dein Outfit sehr stilvoll und schön kombiniert - black & white + grün, genial! Viel Spaß noch beim Tragen und Toll-Aussehen!
Liebe Grüße,
Claudia
echt interessant was du hier erzählst - und ich teile deine aktuellen befürchtungen.
eine freie, vielfältige kunst und kultur ist immer ein medium der sonst ungehörten - und dazu gehören natürlich immernoch die frauen......
und ich wusste das mit "der jugend" und dem jugenstil selbstverständlich :-D
die tasche heute ist sehr boho! deine schöne mähne auch.
xxxx
Liebe Grüße
Fran
Liebe Grüße
Sabine
Und es freut mich, dass Dir auch mein Outfit gefällt. Für das Wetter an diesem Tag waren Blazer und Hose tatsächlich perfekt.
BG Sunny
Das habe ich mir schon gedacht, dass Du über "die Jugend" bescheid weißt.
BG Sunny
Hast Du den oben verlinkten Videobeitrag der Chefdramaturgin Viola Hasselbirg angeschaut. Sei berichtet davon, dass Hitler mal eben ein mit einem Drachen gezierten Fotoatelier "pulverisieren" ließ, das einem lesbischen Pärchen gehörte, weil es seinen Blick störte. Mir ist wirklich die Kinnlade runter gefallen. Zum einen weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass Homosexualität damals tatsächlich so offen gelebt wurde und zum anderen, dass Hitler so schräg drauf war, dass er einfach mal Häuser sprengen ließ. Mitten in der Stadt. Pareto war damals eigentlich schon erfunden.
BG Sunny
BG Sunny
Wenn man dann liest, wie lange das gedauert hat - und das schon mal im nicht provinziellen München - und wie mühsam die Anfänge für Frauen waren, dann freut es mich gleich doppelt.
Wenn Du die Ausstellung besuchst im Café Luitpold, siehst Du ja wie pompös es innen war und ist. Eine Institution der Müncher Bohème.
Und gleich gegenüber wäre dann Tinas Lieblingsladen: Kate Spade :-)
Super, dass Du uns so fein informierst über ein Stück Frauen-Geschichte.
Liebe Grüße, Sieglinde
Ich weiß nur, dass dein Satz "besonders junge Frauen die Freiheit suchten, strömten in die Stadt" wohl 100 % auf mich zutraf, und ich diese Freiheit auch gespürt habe und immer noch spüre, auch als nicht mehr so junge, aber eher unkonventionell lebende Frau, die in keinerlei weibliche Rollenklischees passt. Das ist aber auch der Anonymität und Größe der Stadt (wenn man das will) geschuldet. Leider waren die Nazis gerade in München sehr erfolgreich und haben nicht nur Häuser kaputtgemacht.
Tja, und Gauweiler - großer Gott, von dem hat man viel gehört... leider nix Gutes. Das war ja auch die Strauß-Ära, die sich viele heimlich zurückwünschen. Das ist eine Seite von München, die ich weniger sexy finde, ehrlich gesagt.
Liebe Grüße und einen schönen Sonntag, Maren
Es lohnt sich bei Interesse auch da bei mir mal vorbei zu schauen. Unter den so Porträtierten finden sich sowohl "echte" Münchnerinnen wie Liesl Karlstadt, Elisabeth Mann Borghese, Therese Giese, Carola Neher, Zenzl Mühsam, Quappi Beckmann, Lena Christ, Anneliese Friedmann, wie auch "Immis" ( wie es bei uns in Köln heißt ) wie Ellen Amman, Gisela Elsner, Bele Bachem, Anita Augspurg, Gabriele Münter, Emmy Hennings-Ball. Ja, die Stadt hatte mal kulturell recht viel zu bieten, was auf andere Orte gewirkt hat.
Liebe Grüße!
Astrid
Ich hätte durchaus noch die einen oder anderen Fragmente, Ideen und Links hier gesammelt, die darauf warten auf zu weiteren München Posts verarbeitet zu werden.
Gerne verlinke ich Dir hier die beiden, die in dieser Reihe schon hier bei mir erschienen sind.
Glanz und Größenwahn
NS-Bauten (Brienner Straße)
BG
Sunny